„Na ja, wir tauschten uns auch aus über Kochrezepte und ähnliches.“ – Zum Tod von Ruth Hildebrand (1923 – 2021)

Von 1963 bis zum Tod von Anna Seghers im Jahr 1983 arbeitete Ruth Hildebrand als deren Sekretärin und tippte für die Schriftstellerin Briefe und literarische Texte ins Reine. In einem Interview aus dem Jahr 2009 (abgedruckt im Argonautenschiff 18/2009, S, 231-235) hat sie über diese Zusammenarbeit und den Tagesablauf mit der bekannten Schriftstellerin berichtet. Auch von Seghers auf der Maschine geschriebene Texte habe sie noch einmal abschrieben müssen, denn Anna Seghers sei, wie es ihr Mann Laszlo Radvanyi formuliert habe, „die Erfinderin der unleserlichen Schreibmaschinenschrift“ gewesen. Sie half ihr bei Recherchen für ihre Bücher und machte zusätzlich Besorgungen im Alltag.

In der Mittagspause seien sie häufig gemeinsam in Adlershof spazieren gegangen und hätten sich dabei auch über Alltägliches und Persönliches ausgetauscht. Ihr Verhältnis war von wechselseitigem Respekt geprägt: „Anna Seghers hat auch akzeptiert, wenn ich einmal anderer Meinung war als sie. Sie wollte gar nicht, dass man immer ja sagt. Wir haben uns vertraut. Die Chemie stimmte einfach.“

Die Texte Sonderbare Begegnungen und Die Reisebegegnung hätten ihr besonders gut gefallen: „Wie sie das Unmögliche einer solchen Begegnung aufhebt, das konnte sie und machte es so einfach und einleuchtend. Das bewundre ich an ihr.“

Als Seghers am Ende ihres Leben schwer krank wurde, hat sie sie im Pflegeheim am Müggelsee besucht und mit dem Rollstuhl umhergefahren. Die 20 Jahre mit Anna Seghers seien eine „gute Zeit“ gewesen „mit vielen interessanten Erlebnissen“.

Am 1. Mai ist Ruth Hildebrand, die seit ihrem vierten Lebensjahr in Berlin-Adlershof lebte, im Alter von 98 Jahren gestorben.

Wir lesen aus verbrannten Büchern – Das siebte Kreuz

Zum 10. Mai, dem Jahrestag der Bücherverbrennung 1933, stellt die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten Frankfurt/M. in verschiedenen Lesungen Auszüge aus Büchern von verfolgten und verfemten Autorinnen und Autoren vor. Sabine Baumann, die Vorsitzende des Vereins ‚Frankfurt liest ein Buch‘, wird dabei einen Abschnitt aus dem Roman ‚Das siebte Kreuz‘ von Anna Seghers lesen. Sie erinnert damit auch daran, dass Anna Seghers und ihr Roman im April 2018 im Mittelpunkt des sehr erfolgreichen Lesefestes in Frankfurt/M. und auch in Mainz standen.
Hier findet ihr den Link zur Seite des VVN-BdA: https://frankfurtmain.vvn-bda.de/wir-lesen-aus-den-verbrannten-buechern/.

Trauer um Walter Kaufmann (19. Januar 1924 – 15. April 2021)

Die Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz trauert um ihr Gründungsmitglied, den Schriftsteller Walter Kaufmann, der am 15. April in Berlin gestorben ist.

Walter Kaufmann (© Rebekka Kaufmann)

Sein Leben, das ihn, den jüdischen Emigranten, während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft nach England und Australien führte, ist ein aufregender Roman. Als junger Mann begann er zu schreiben und hat in seiner jahrzehntelangen Arbeit als Reporter und Schriftsteller weit mehr als 30 Bücher veröffentlicht.

Mit Walter Kaufmann verlieren wir einen guten Freund, einen politisch engagierten Zeitgenossen und liebenswerten Menschen. Besonders gern stellte er seine neuen Bücher im „Literarischen Salon bei Anna Seghers“ vor. So las er dort in der Adlershofer Wohnung u. a. aus seinen letzten Büchern wie Im Fluss der Zeit (2010), Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens (2013), Meine Sehnsucht ist noch unterwegs (2015) und Die meine Wege kreuzten. Begegnungen aus neun Jahrzehnten (2018).

Walter Kaufmann war in den 1990er-Jahren Vorstandsmitglied der Anna-Seghers-Gesellschaft sowie der Anna Seghers-Stiftung. Im Jahrbuch Argonautenschiff finden sich mehrfach Würdigungen seiner Neuerscheinungen (vgl. Argonautenschiff 2018 und 2020).

Wir werden Walter Kaufmann stets ein ehrendes Andenken bewahren.

Ein ausführlicher Nachruf folgt im Argonautenschiff 29/2021.

 

 

 

 

Gefahrgut – Transporte auf dem Rhein 1933

Brigitte und Gerhard Brändle: Gefahrgut – Transporte auf dem Rhein 1933

Die Dokumentation in der Form einer Reise auf dem Rhein ist der Versuch, eine Lücke in der Erforschung des Widerstands zu schließen. Der Rhein ist von Basel bis fast Karlsruhe die Grenze zwischen Baden und dem Elsass, zwischen Deutschland und Frankreich.

Menschen, die vor Verfolgung fliehen müssen, brauchen einen Fischer, der sie außer Landes bringt, ein Paddelboot, um ans rettende Ufer zu gelangen, oder – wie Georg Heisler in Anna Seghers’ Roman Das siebte Kreuz – einen Lastkahn, der in die Niederlande oder nach Basel fährt. Manche sind 1936 auf dem Weg nach Spanien, um dort für die durch den Militärputschisten Franco bedrohte Republik zu kämpfen.

Der Rhein als Wasserweg des Widerstands ist v.a. auch ein Transportweg für Anti-Nazi-Schriften, die von Rheinschiffern auf Lastkähnen aus Holland, Frankreich oder der Schweiz in verschiedene Häfen entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse geschmuggelt werden. WassersportlerInnen, Hafenarbeiter oder Fischer übernehmen die brisante Fracht und sorgen für die Verteilung an Widerstandsgruppen, in der Mehrzahl klandestine Zirkel von GewerkschafterInnen und/oder KommunistInnen sowie auch AnarchistInnen, SozialdemokratInnen oder SozialistInnen. Bisher wurden 103 widerständige Menschen gefunden, darunter über 20 % Frauen, sie erhalten nicht nur ihren Namen, verbunden mit kurzen Angaben zur Person, sondern oft auch ein Gesicht.

Karten der „Reise“-Route von der niederländischen Grenze bis Basel, zahlreiche Abbildungen, Worterklärungen sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis laden zum Weiterlesen und vielleicht Weiterforschen ein.

Den Link zum Text finden Sie hier.

Anna Seghers Buchclub

Ich habe einiges von Anna Seghers gelesen, aber ich möchte gern noch mehr kennenlernen.‟

Ich müsste diesen oder jenen Text von Anna Seghers auch mal wieder lesen.‟

Ich habe bisher überhaupt nichts von Anna Seghers gelesen, würde es aber gern tun.‟

Kommen Ihnen diese oder ähnliche Gedanken bekannt vor? Uns auch. Nicht zuletzt in der Anna Seghers-Gesellschaft ist es ein häufig gezogenes Fazit:

Anna Seghers sollte (wieder) mehr gelesen werden!‟

Dieses Anliegen haben wir nun mit den Erfahrungen des vergangenen Jahres zusammengebracht und beschlossen, den Anna Seghers-Buchclub virtuell ins Leben zu rufen. Unser Ziel ist es – online – Menschen zusammenzubringen, deren gemeinsames Interesse darin besteht, sich ganz bewusst Zeit für die Seghers-Lektüre zu nehmen, sich das Werk der Schriftstellerin im Gespräch mit anderen Leserinnen und Lesern zu erschließen und sich darüber auszutauschen.

Neben neun Romanen darunter der sicher berühmteste „Das siebte Kreuz‟, hat Anna Seghers über 60 kürzere Erzählungen geschrieben und veröffentlicht, in denen eine beeindruckende Formenvielfalt und Bandbreite ästhetischer Gestaltungsmittel zu finden ist. Einige ihrer kürzeren Texte mögen sehr bekannt sein, andere hingegen nicht. Aus diesem Grund möchten wir uns – mit dem umfangreichen Werk von Erzählungen in der Chronologie ihres Erscheinens (1924–1980) auseinandersetzen.

Hiermit laden wir Leserinnen und Leser zu unserem ersten Treffen am

9. April 2021 von 19.00–20.30 Uhr ein.

Wir lesen und besprechen:

Die Toten auf der Insel Djal‟ (1924).

Um Ihnen den Zugangslink für die Teilnahme zusenden zu können, ist die Anmeldung unter buchclub@anna-seghers.de erforderlich.

Wir freuen uns auf einen lebhaften Austausch. Eigene Lektüreeindrücke, Wahrnehmungen, Fragen aller Art – zum Text selbst, zu den Kontexten oder zur Autorin – sind dabei ausdrücklich erwünscht!

Der Vorstand der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V.

Am 21. Mai 2021 geht es dann weiter mit:

„Grubetsch‟ (1926/1927)

* Alle Texte befinden sich sowohl in der Werkausgabe des Aufbau-Verlags (Bd. II/1-6) als auch in der Sammlung „Sämtliche Erzählungen‟ (AtV, 1994). Sollten Sie dazu Hilfe benötigen, wenden Sie sich gern ebenfalls an buchclub@anna-seghers.de

Präsentation des Anna Seghers Handbuches

Das im letzten Jahr erschienene Anna Seghers Handbuch mit ca. 60 Aufsätzen zu Leben und Werk der Autorin wird nun am 21. Januar 2021 von 18.00 Uhr – 19.15 Uhr im Literaturhaus in Leipzig der Öffentlichkeit präsentiert. Den derzeitigen Umständen entsprechend geschieht dies natürlich als digitale Veranstaltung. Die beiden Herausgeberinnen, Ilse Nagelschmidt (Leipzig) und Carola Himes (Frankfurt/M.), werden über ihre Arbeit berichten, Oliver Schütze vom Metzler-Verlag und Hans-Willi Ohl von der Anna-Seghers-Gesellschaft werden Grußworte beisteuern. Nach einer musikalischen Umrahmung wird Dr. Stephanie Bremerich von der Universität einen Festvortrag zu Anna Seghers halten, gefolgt von einer Lesung der Autorin und Schauspielerin Steffi Böttger.

Informationen über die Veranstaltung findet man hier. Die Möglichkeit zur Anmeldung findet man hier.

Christiane Zehl Romero: Anna Seghers – Eine Biographie

In den Jahren 2000 und 2003 legte die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Christiane Zehl Romero die erste umfassende Biographie von Anna Seghers in zwei Bänden vor. Der erste Teil umfasst die Jahre 1900 bis 1947, der zweite reicht bis zu ihrem Tod im Jahr 1983. Jetzt sind die beiden Bände im Aufbau Verlag als Taschenbuch zum Preis von jeweils 15,- € neu veröffentlicht worden. Die EBook-Ausgabe kostet jeweils 9,95 €. Im Vorwort schreibt Christiane Zehl Romero über Anna Seghers: „Als Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin und vor allem als Schriftstellerin setzte sie sich (…) vielfältigen Erwartungen und Widersprüchen aus, zumal sie das ‚ganz und gar Neue‘ suchte und dem Uralten, dem Mythos und dem Märchen verhaftet blieb.“

Argonautenschiff 28/2020 erschienen

Das 28. Argonautenschiff, Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft, ist dem Thema Begegnungen mit Anna Seghers gewidmet. Der Begriff „Begegnungen“ ist weit gefasst und reicht vom persönlichen Zusammentreffen mit der Schriftstellerin bis zu Begegnungen mit ihren Romanen, Erzählungen, aber auch Reden oder Briefen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie unterschiedliche Personen in verschiedenen kulturellen und politischen Kontexten auf Anna Seghers als Dichterin und Mensch sowie auf ihre Texte aufmerksam geworden sind – sei es durch die Vermittlung in der Schule, durch Verfilmungen ihrer Romane und Erzählungen, durch Hörspieladaptionen oder Gestaltungen und Bezugnahmen durch andere SchriftstellerInnen und KünstlerInnen. Beleuchtet wird außerdem, wie sich die Lektüreeindrücke im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte verändert haben.

Weitere Informationen beim Quintus-Verlag

„Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil“ – Online-Veranstaltung

Was: „Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil“ – Dr. Monika Melchert im Gespräch mit André Förster
Wann: Do., 19.11.20
Wo: Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz, In den Ministergärten 6, 10117 Berlin
Online: hier

Die in Mainz geborene Schriftstellerin Anna Seghers hätte am 19. November ihren 120. Geburtstag begangen. Aufgewachsen in Mainz als Tochter des Kunst- und Antiquitäten-händlers Isidor Reiling lebte sie seit 1925 mit ihrem Mann László Radványi in Berlin. 1933 begann ihre Odyssee über die Schweiz ins Pariser Exil und 1941 nach Mexiko.
Die Ankunft in der Neuen Welt sicherte Anna Seghers und vielen ihrer engen Freunde das Überleben und brachte ihnen die Begegnung mit einer für sie gänzlich neuen Kultur, einer farbenfrohen und temperamentvollen tropischen Welt. Mexiko hatte zahllosen Emigranten großzügig seine Tore geöffnet und ihnen uneingeschränkte Möglichkeiten gegeben, ihre berufliche, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen. Später, als sie längst wieder in Berlin lebte, kehrte sie in ihren Erzählungen gedanklich immer wieder nach Mexiko zurück. 1981 wurde Anna Seghers Ehrenbürgerin der Stadt Mainz. 1983 starb sie in Berlin. Wo in der Welt sie sich auch aufhielt: Anna Seghers blieb stets Mainzerin und Berlinerin. Aus diesem Anlass hat die Landesvertretung Rheinland-Pfalz die Schriftsstellerin in ihrer Veranstaltungsreihe „20 Jahre – 20 Momente“ im Rahmen ihres eigenen Jubiläums in Berlin mit einer Legung in Kooperation mit dem Quintus-Verlag und der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V. gewürdigt.

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Verleihung des Anna Seghers-Preises am 20.11.2020 als Livestream

Der Preis, der insgesamt mit 25.000 Euro dotiert ist, geht in diesem Jahr je zur Hälfte an die kroatisch-schweizerische Autorin Ivna Žic sowie an den Argentinier Hernán Ronsino. Da in Berlin keine öffentlichen Präsenzveranstaltungen möglich sind, wird die diesjährige Preisverleihung als digitaler Livestream aus dem Literatur-Forum im Brechthaus stattfinden. Termin ist Freitag, der 20.11.2020, 19 Uhr, der Link lautet: https://youtu.be/wo825hS0EnM
Sowohl die Preisträgerin als auch der Preisträger werden per Video ein kurzes Live-Gespräch mit den Jurorinnen Annette Pehnt und Dagmar Ploetz führen. Die Schauspielerin Karen Sünder wird vor Ort in Berlin aus dem Werk „Die Nachkommende“ von Ivna Žic lesen, außerdem aus Hernán Ronsinos Buch „Cameron“ (Übersetzung Luis Ruby). Ronsino selbst wird per Video auf Spanisch Stellen aus seinem Werk vortragen.
Die Begrüßung und die Moderation übernimmt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Moritz Malsch. Wer nicht live dabei sein kann, hat die Möglichkeit, sich das Video auch zu einem späteren Zeitpunkt anzusehen.